• Absturzsicherung, Höhensicherung

Anwendung von PSAgA – eine Frage der Motivation?

  • Februar 5, 2026

Verwendung von Schutzausrüstung oder gar von der Persönlichen Schutzausrüstung gegen Absturz wird seitens vieler Anwender als lästig betrachtet. Diese Erfahrung hat Industriekletterer, Ausbilder und Erlebnispädagoge Wolfgang Huwe gemacht. In seinem Fachbeitrag zeigt er auf, wie sich Mitar-beitende zum zuverlässigen Anwenden der PSAgA inspirieren lassen.

Wolfgang Huwe (l.), hier bei einem Industriekletter-Einsatz mit Quan Nguyen (Mitte) und einem weiteren Kollegen. // Archiv-Foto: Höhenpass

Im Grunde ist es klar und eindeutig geregelt: Das Arbeitsschutzgesetz nimmt den Arbeitgeber in die Pflicht und fordert in §1 „Sicherheit und Gesundheitsschutz der Beschäftigten bei der Arbeit zu sichern und zu verbessern“. §3 ArSchG verpflichtet den Arbeitgeber zudem, notwendige Schutzmaßnahmen zu organisieren (auf Basis der Gefährdungsbeurteilung §5) und die Kosten dafür zu tragen.

Auch die DGUV Vorschrift 1 fordert in den „Grundsätzen der Prävention“ eindeutig zur Handlung auf. So befasst sich der vierte Abschnitt dieser DGUV Vorschrift mit „Persönlichen Schutzausrüstungen“, regelt in §29 und §31 Bereitstellung und Unterweisung für PSA, nimmt in §30 dazu neben dem Unternehmer oder Arbeitgeber auch explizit den Versicherten, also den Arbeitnehmer in die Pflicht. Also ist doch alles klar, oder?

Praxis sieht häufig anders aus
In der Praxis sieht es häufig leider etwas anders aus. Bei zahlreichen Schulungen zur richtigen Anwendung von PSAgA konnte ich feststellen, dass die Verwendung der Schutzausrüstung, wenn überhaupt, dann nur widerwillig geschieht, dabei eher als lästig empfunden wird denn als das, was es sein soll: Ein Sicherheitsplus für den Anwender.

Warum ist das so? Ein Grund liegt möglicherweise darin, dass Unternehmensverantwortliche mit der Fragestellung nach geeigneter Schutzausrüstung überfordert sind. In einer Welt voller Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität fällt es schwer, den Überblick zu behalten und die Prioritäten richtig zu setzen. In Kombination mit einem isolierten Blick auf die entstehenden Kosten führt das dann zur Anschaffung einer Alibi-Ausstattung, die dem Einsatz-Kontext nicht gerecht wird, womöglich unbequem und kompliziert einzustellen ist und damit die Akzeptanz bei den Mitarbeitenden drückt.

Die Folge ist innerer Widerstand. Kennen Sie das aus der eigenen Kindheit? Wenn die Eltern sagten: „Tue dies! Lass jenes!“ (Klettere nicht auf diesen Baum!), haben Sie dann nicht erst recht das Gegenteil getan? Schließlich wussten Sie selbst am besten, was gut für Sie ist – oder glaubten es zumindest. Bewusst oder unbewusst und egal ob richtig oder falsch ist dieses rebellische Kind immer noch ein Teil von uns.

Welche Werte sind wichtig?
Wie schaffen Sie es also als Verantwortlicher im Unternehmen, die Mitarbeitenden nachhaltig zum Tragen der Schutzausrüstung zu bewegen? Wie wäre es, wenn dies aus eigener, intrinsischer Motivation erfolgte? Was können Sie als Arbeitgeber dazu beitragen?

Wie so oft ist auch dieses Thema eine Frage nach der eigenen Unternehmenskultur: Welche Werte sind Ihnen wichtig, welche werden auch tatsächlich (vor-)gelebt? Gibt Sicherheit in Ihrem Wertekompass klar die Richtung vor oder handeln Sie eher reaktiv und in Abhängigkeit von vorgegebenen Regeln und etwaigen Konsequenzen?

Je größer die Identifikation der Mitarbeitenden mit den gelebten (Unternehmens-) Werten, desto motivierter wird jeder einzelne diese verkörpern und nach außen tragen! Die Folge: Höhere Zufriedenheit, also auch Mitarbeiterbindung und im Hinblick auf Absturzsicherung – auch mehr Sicherheit und reduzierte Unfallzahlen.

Nehmen Sie Abschied von halbherzig gemeinten Imperativen und laden Sie Ihre Mitarbeitenden stattdessen ein, sich täglich mit folgender Frage zu befassen: „Wie möchte ich am Ende des (Arbeits-)Tages wieder nach Hause kommen?“

Das passende und sehr anschauliche Modell dazu ist die in den 1990er Jahren von Berlin Bradley entwickelte „Bradley Kurve“, welche Arbeitssicherheit in den Zusammenhang zur Unternehmenskultur stellt. Dabei beschreibt das Modell vier Stufen der Sicherheitskultur, nämlich beginnend mit reaktiver über abhängige Sicherheit hin zu unabhängiger Sicherheit, bei welcher die Mitarbeitenden Eigenverantwortung für ihren Schutz übernehmen.

Sicherheit als gemeinschaftliche Verantwortung
Gewissermaßen die Kür bildet die 4. Stufe der Bradley Kurve: Sicherheit wird als gemeinschaftliche Verantwortung verstanden, Mitarbeitende schützen sich gegenseitig. „Tolle Theorie, lässt sich aber nicht umsetzen!“, denken Sie? Dann schauen Sie sich doch mal das Konzept des „Growth-Mindset“ der US Psychologin Carol Dweck an. Sie beschreibt darin die innere Haltung, Herausforderungen als Lernchancen zu begreifen anstatt als Bedrohung. Glaubenssätze sind keine objektiven Wahrheiten, sondern jeweils individuelle Wirklichkeitskonstruktionen.

Beispiel gefällig? Erinnern Sie sich an die Olympischen Winterspiele in Calgary 1988? Erstmals trat ein Land im Bobfahren an, welches auch vor Zeiten des Klimawandels nachweislich keine Schnee- und Eisflächen zu bieten hatte: Jamaika. Wie mit innerer Haltung und festem Willen diese Herausforderung gemeistert wurde, zeigt der Film „Cool Runnings“. Vielleicht nutzen Sie die Winterzeit zu einer Fortbildung der besonderen Art und genießen einen vergnüglichen Filmabend?

Wolfgang Huwe

…lässt als systemischer Erlebnispädagoge und Prozessbegleiter Themenbereiche wie Wertekompass, innere Haltung und Motivation gerne auch in seine Tätigkeit als Ausbilder für PSAgA einfließen. Neben seinem Engagement für Rauszeit arbeitet Wolfgang Huwe auch für die Sicherheitsexperten von Höhenpass.

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