• Absturzsicherung, Höhensicherung

Persönlich ist mehr als ein Etikett

  • August 28, 2025

Wenn wir im Arbeitsschutz von „PSA“ sprechen – meinen wir dann wirklich noch persönliche Schutzausrüstung? Oder ist das heute eher ein Pool-System mit dem Charme einer Grabbelkiste auf dem Flohmarkt? Sprich: Jeder nimmt, was gerade da ist – ob’s passt oder nicht.

Schön, dass der Gurt getragen wird, aber die Einstellung der Rückenöse ist deutlich zu optimieren. // Fotos (4): der Simon

Wer regelmäßig mit Absturzsicherung zu tun hat, weiß: Die Realität ist oft näher an zweiterem. Es gibt Helme, die sind „für alle“ da, Gurte, die man irgendwie zurechtzieht, und Verbindungsmittel, deren Historie länger ist als die Betriebszugehörigkeit mancher Kollegen. Dabei reden wir hier nicht von Ersatzkabelbindern oder ausgeleierten Schraubenschlüsseln – sondern von Ausrüstung, die im Zweifel über Leben oder Tod entscheidet – sprich PSA der Kategorie III.

Kein Gurt für alle
Nehmen wir das beliebte Beispiel der Absturzsicherung – kurz PSAgA: Karl-Heinz, 57 Jahre alt, 1,75 cm groß, 86,4 kg – stabil gebaut, leidenschaftlicher Griller. Und dann haben wir Dimitri, 29 Jahre alt, 1,87cm groß, 112 kg, geht fünfmal die Woche ins Gym und trägt eher einen Latissimus als ein T-Shirt. Und nun beide im exakt selben Gurtmodell, das sich „natürlich“ laut Einkauf anpassen lässt – aber eben nur theoretisch – laut Aussage eines chronisch sparsamen Menschen, der mit dem Gurt nie arbeiten muss. Praktisch klemmt der Einsteller bei Dimitri unter dem Arm und zwickt im Schritt, während bei Karl-Heinz das Gurtband noch zwei Ehrenrunden um den Bauch wickelt. Trotzdem: ein Gurt für alle.

„Spare! Spare! G-Klasse kaufe“ wie der Schwabe im Volksmund sagt… Allerdings spart man leider hier auch an Sicherheit der Mitarbeitenden. Und hier wird’s ernst. Denn PSA der Kategorie III – also für tödliche oder irreversible Gefahren – ist kein Ausrüstungsgegenstand wie ein Spind oder ein Werkzeugkasten. PSA muss individuell passen. Sie muss sitzen, eingestellt, kontrolliert, gepflegt werden – und das am besten von demjenigen, der sie nutzt. Alles andere ist kein Sicherheitskonzept, sondern eine Requisite aus dem Improvisationstheater.

Bei dieser Firma hat jeder Bagger einen Namen und einen festen Fahrer. Was für Maschinen gilt, sollte bei Schutzausrüstung Standard sein.

„Persönlich“ einfach wörtlich nehmen
Dabei zeigen uns andere Gewerke, dass „persönlich“ durchaus wörtlich genommen werden kann. Ich war dieses Jahr bei einer innerstädtisch tätigen Gleisbaufirma, da hat jeder Baggerfahrer seinen Bagger. Name steht auf der Tür – kein Scherz. Ich durfte sogar in jeden mal reinschauen: Da drin war’s sauberer als bei manchem Pendlerauto nach dem Wochenende. Da wird der Joystick gewienert, die Kabine gepflegt, während die Musik aus dem Subwoofer ballert. Warum? Weil es eben ihr Bagger ist. Adel verpflichtet – Eigentum auch, sagt man… Oder für den Arbeitsalltag heißt das: Wer Verantwortung übernimmt, übernimmt auch Pflege.

Warum also nicht auch beim Gurt? Der ist doch kein Ramschartikel. Warum bekommt man in vielen Betrieben seine eigenen Schuhe, die zur Fußform passen müssen – aber beim Klettergurt reicht ein Einheitsmodell für alle Körpergrößen zwischen Hobbithöhe und Giraffensilhouette? Klar, Schuhe riechen schnell mal streng – aber ganz ehrlich: das tun Gurte auch, wenn sie ein halbes Jahr im feuchten Spind liegen und täglich durch drei Personenkörper vollgeschwitzt wurden.

Verantwortung und PSA sind nicht teilbar
In meinen Schulungen zur PSAgA und zur Rettung sehe ich es immer wieder: Wenn die PSA als Poolware betrachtet wird, ist das Pflegeverhalten entsprechend. Was nicht meins ist, wird auch nicht so behandelt. Und spätestens wenn’s um die richtige Einstellung der Gurtbänder, den Verschleißzustand der Karabiner oder die Historie des Verbindungsmittels geht, fällt dann auf: Keiner weiß, wer das zuletzt genutzt hat. Und ob überhaupt jemand kontrolliert hat. So wird die persönliche Sicherheit zur kollektiven Unverantwortlichkeit.

Daher mein Vorschlag – nein, meine Forderung: Jeder, der regelmäßig mit Absturzsicherung arbeitet, braucht seine PSA. Keine Leihgabe. Kein Community-Gurt. Keine Ausrüstung „von der Stange“, die einmal im Quartal durchgetauscht wird. Sondern eine, die passt, gepflegt wird und deren Zustand dokumentiert ist. Genau wie der eigene Helm, genau wie die Sicherheitsschuhe.

Manche Schnallen wie diese geben auch ein optisches Feedback, ob sie richtig geschlossen sind. Leider ist das nicht bei allen so.

Am Ende wird´s teuer
Was mich besonders stört: Die Missachtung des Begriffs „persönlich“ ist auch ein Zeichen mangelnder Wertschätzung. Wer willens ist, seine Mitarbeitenden auf Dächer, Gerüste, Silos oder andere Höhen zu schicken, sollte ihnen wenigstens das Vertrauen und die Ausstattung mitgeben, die ihnen ein Gefühl von Sicherheit geben. Denn Sicherheit beginnt nicht erst beim Auffanggurt – sondern beim Gefühl, ernst genommen zu werden.

PSA darf nicht als Pool gedacht werden. Wer’s persönlich meint mit der Arbeitssicherheit, der muss auch persönlich ausstatten. Und damit meine ich nicht Etiketten mit Namen drauf, sondern Verantwortung, Passform, Pflege, Kontrolle. Denn seien wir ehrlich: Wenn der Gurt klemmt, die Bandschlinge ausgeleiert ist und das Verbindungsmittel mehr Risse hat als eine Freitagabend-Pizza, dann ist es egal, wie oft man „Sicherheit“ im Leitbild stehen hat. Dann ist man nicht sicher, sondern nur billig. Und das kauft man laut Oma immer zweimal. Somit wird’s am Ende doch teuer.

Simon Karl

… auch unter „der Simon“ bekannt, ist Trainer für persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz sowie für viele weitere sicherheitsrelevanten Themen im Bereich Arbeitssicherheit.

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