Simon Karl „der Simon“ ist Trainer für persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz und beschäftigt sich zum Jahresauftakt kritisch mit dem Thema der Unterweisungen, die ja mittlerweile auch in vielen Bereichen und von unterschiedlichen Anbietern auch online möglich sind, auseinander.
Der Januar ist traditionell der Monat der guten Vorsätze. Mehr Bewegung, weniger Zucker, besser organisiert ins neue Jahr. Im Arbeitsschutz sieht der Vorsatz oft nüchterner aus: „Unterweisung erledigen. Ende der Geschichte.“ Schließlich verpflichtet die DGUV Vorschrift 1, § 4, Arbeitgeber dazu, ihre Beschäftigten mindestens einmal jährlich zu unterweisen. Pflicht erfüllt, Haken dran. Oder darf´s ein bisschen mehr sein?
Gerade beim Thema persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (kurz: PSAgA), also beim sicheren Arbeiten in der Höhe oder Tiefe, wird es spannend. Immer mehr Anbieter setzen hier auf Online-Unterweisungen. Zwei bis drei Stunden Theorie per Videokurs, danach ein Quiz zwischendurch. Kein Anfahrtsweg, keine Hotelkosten, keine Ausfallzeiten. Effizient, modern, zeitgemäß. Auf dem Papier zumindest.
Sauber dokumentiert – revisionssicher abgelegt
Die Anbieter versprechen viel. Interaktive Inhalte, abteilungsbezogene Fragen, Tests, die angeblich nicht manipulierbar sind. Alles sauber dokumentiert, revisionssicher abgelegt. Für den Arbeitgeber klingt das nach einer Lösung, die gleich mehrere Probleme auf einmal beseitigt. Für den ambitionierten Trainer mit etwas Anspruch hingegen stellt sich eine andere Frage: Wo bleibt der Mensch?
Arbeitsschutz lebt vom Austausch. Von Rückfragen, von Praxisbeispielen, von dem Moment, in dem jemand sagt: „Bei uns läuft das aber anders.“ Genau dort beginnt eigentlich gute Unterweisung. Onlineformate lassen das kaum zu. Sie sind standardisiert, glatt und für alle gleich. Individuelle Gefährdungen? Betriebliche Besonderheiten? Unterschiedliche Erfahrungsstände? Schwer abzubilden.
Und seien wir ehrlich: Ein Online-Test prüft vor allem eines – die Fähigkeit, die richtigen Kästchen anzuklicken. Ob das Verständnis wirklich vorhanden ist, bleibt offen. Mit etwas Glück, Ausdauer oder schlichtem Zufall lässt sich so mancher Test bestehen. Der Mehrwert für die tatsächliche Sicherheit? Fraglich. Man könnte zugespitzt sagen: Auch ein Affe mit genügend Klicks käme irgendwann durch.
Geht es um Sicherheit oder um Nachweise?
Damit stellt sich eine unbequeme Frage: Geht es hier noch um Sicherheit oder nur um Nachweise? Um Lernen oder um Abwickeln? Arbeitsschutz wirkt in solchen Momenten leider oft wie ein lästiger Pflichtpunkt auf der To-do-Liste. Etwas, das man „machen muss“, aber bitte schnell und günstig.
Dabei sprechen wir bei PSA gegen Absturz nicht über Büroergonomie oder Bildschirmhöhe. Wir sprechen über Systeme, deren Versagen tödliche Folgen haben kann. Über Anwender, die ihrem Material und ihrem Wissen blind vertrauen müssen. Vertrauen entsteht nicht durch Videos, sondern durch Übung, Feedback und persönliche Ansprache.
Ein kleiner Lichtblick bleibt: § 31 der DGUV Vorschrift 1. Sobald PSA der Kategorie III im Spiel ist ¬– also auch die Verwendung von persönlicher Schutzausrüstung gegen Absturz – reicht Theorie alleine nicht mehr aus. Rettung muss zum Glück noch praktisch geübt werden.
- Anlegen des Gurtes,
- Klettern zum Patienten
- Einhängen,
- Retten.
Mit echten Menschen, echten Gurten und echtem Gewicht. Zum Glück lässt sich das nicht vollständig digitalisieren. Und ich hoffe mal ganz fest, dass dies noch eine Zeit lang so bleibt.
Vielleicht liegt genau hier der Schlüssel. Onlineformate können Teile der Ausbildung unterstützen. Sie können Grundlagen vermitteln, Wissen auffrischen, Zeit sparen. Aber sie ersetzen nicht den persönlichen Kontakt, nicht die individuelle Betrachtung und schon gar nicht die praktische Übung.
Arbeitsschutz ist kein Streamingdienst. Man kann ihn vielleicht nebenbei konsumieren. Und dann? Wenn es wirklich drauf ankommt? Wir lernen nachhaltig nur das, was wir auch praktisch umsetzen. Am Ende bleibt die Frage: Ist dieses Online die Zukunft? Alles am Rechner auf Video anschauen, alles standardisieren, alles möglichst schnell und am besten gleich noch billig?
Oder geht es doch um Wertschätzung? Um Lernen? Um Miteinander? Um das Signal an Mitarbeitende, dass ihre Sicherheit mehr ist als ein Klick im System?
Vielleicht habe ich etwas übersehen. Vielleicht gibt es Onlineformate, die wirklich begeistern, die mitdenken, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Wenn ja, sollten wir genau hinschauen. Bis dahin gilt für mich: Arbeitsschutz beginnt nicht beim Login, sondern beim Gespräch. Und manchmal auch beim Widerspruch.
Simon Karl
… auch unter „der Simon“ bekannt, ist Trainer für persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz sowie für viele weitere sicherheitsrelevanten Themen im Bereich Arbeitssicherheit.