Der sichere Zugang zu engen Räumen und die schnelle Rettung daraus stellen im Arbeitsschutz eine große Herausforderung dar. Wenn Kanalarbeiter verunglücken, oder Techniker in Aufzugschächten stecken bleiben, fehlt es oft an durchdachten Konzepten und einfach zu bedienender Ausrüstung, um diesen Gefahrensituationen zu begegnen. Umso wichtiger ist es, dass Unternehmen auf integrierte Systeme setzen, die einen sicheren Einstieg und die Rettung aus einer Hand ermöglichen, lautet die Empfehlung von Carlos Cruz, Leiter Strategic Business Unit Fall Protection bei Zarges.
Arbeiten in Schächten, Silos, Kanälen oder Tanks sind fester Bestandteil vieler industrieller Wartungs- und Instandhaltungsprozesse. In der Kanalisation müssen Inspekteure mehrere Meter tief in Kontrollschächte hinabsteigen, um Lecks zu identifizieren. In der Lebensmittelindustrie erfordern Silos eine regelmäßige Reinigung von innen – bei Durchmessern von weniger als einem Meter. Bei Kläranlagen sind bestimmte Pumpen und Ventile nur über enge Wartungsschächte erreichbar.
Der Einstieg in diese Tiefen birgt erhebliche Risiken. Anders als bei Arbeiten in der Höhe gibt es in beengten Räumen meist kein Ausweichen zur Seite und die Fluchtmöglichkeiten sind begrenzt. Unvorhergesehene Ereignisse können den Arbeitsplatz schlagartig zur Gefahrenzone machen: Plötzlicher Sauerstoffmangel, das Austreten giftiger Gase in der Kanalisation oder ein Kreislaufkollaps durch Hitze in einem schlecht belüfteten Schacht. Schnelle Hilfe ist dann überlebenswichtig, stellt Retter jedoch vor eine große Herausforderung.
„Die Komplexität der Schachtrettung wird häufig unterschätzt“, erklärt Bernhard Rem, Key Account Manager Fall Protection bei Zarges. „Der Zugang ist meist nur von oben möglich, die Platzverhältnisse sind extrem beengt und die Kommunikation mit dem Verunfallten ist oft schwierig. Ein improvisiertes Vorgehen oder der Zeitverlust bis zum Eintreffen der Rettungskräfte können hier fatale Folgen haben. Jede Sekunde zählt, daher müssen Unternehmen kontinuierlich an ihren Rettungskonzepten und Sicherheitsstandards arbeiten.“
Höhenrettung versus Tiefenrettung
Bestimmte Sicherheitskonzepte der Höhenrettung lassen sich auf das Arbeiten in der Tiefe übertragen. Auch hier kann es zu abrupten Abstürzen kommen, bei denen Arbeiter das Bewusstsein verlieren oder ein Hängetrauma erleiden. Um dies zu vermeiden, setzen viele Unternehmen mittlerweile auf Gurtsysteme wie den „Chair in the air“. Damit können sich verunglückte Personen mit wenigen Handgriffen in eine aufrechte Position bringen.
Während bei der Höhenrettung nach einem Sturz jedoch das Hauptaugenmerk auf der Sicherung gegen einen weiteren Absturz und der schnellen Behandlung eines potenziellen Hängetraumas liegt, sind die Gefahren bei der Tiefenrettung vielschichtiger. Auch psychologische Faktoren wie Klaustrophobie und Desorientierung können die Situation zusätzlich verschärfen. Diese erschwerenden Umstände verlangen nach einem durchdachten Rettungskonzept inklusive verlässlicher persönlicher Schutzausrüstung (PSA).
Zugang und Rettung systematisch kombinieren
Bei der Auswahl der Ausrüstung sollten Unternehmen zunächst darauf achten, Systeme einzusetzen, die nicht nur von hochspezialisierten Rettungsprofis intuitiv bedient werden können. Denn im Notfall sind es meist die Kollegen, die zuerst zur Stelle sind und aktiv werden müssen. Für diese Anwender muss die Ausrüstung selbsterklärend, robust und zuverlässig sein – eine Art „Plug-and-Play“-Lösung für den Ernstfall.
Ein durchdachtes Rettungskonzept für enge Räume basiert daher auf dem Zusammenspiel von drei perfekt aufeinander abgestimmten Komponenten und berücksichtigt das ABC der Absturzsicherung – Anschlagpunkt (A), Auffanggurt (B) und Verbindungsmittel (C).
Der mobile Anschlagpunkt:
Ein temporärer, mobiler Anschlagpunkt, oft in Form eines leichten Aluminium-Dreibeins, bildet die Grundlage. Ein Anschlagpunkt der Klasse B nach DIN EN 795 lässt sich schnell und werkzeuglos über einer Schachtöffnung positionieren, sorgt für eine sichere Verankerung und kann rückstandslos entfernt und wiederverwendet werden. Wichtig: Das Dreibein muss stabil genug sein, um auch punktuelle Spitzenbelastung bei einem Sturz abzufangen, gleichzeitig aber leicht genug, um von zwei Personen transportiert werden zu können.
Der Auffanggurt:
Das Gurtsystem soll nicht nur einen Sturz abfangen, sondern auch eine komfortable Rettungsposition ermöglichen. Moderne Gurte verfügen über integrierte Sitzgurtelemente, wodurch das Hängetrauma-Risiko erheblich reduziert wird.
Das Verbindungsmittel:
Als Verbindungsmittel zwischen Anschlagpunkt und Auffanggurt kommt idealerweise eine Absturzsicherung mit Hubfunktion zum Einsatz. Im Normalbetrieb funktioniert sie wie ein klassisches Höhensicherungsgerät, das einen Sturz sofort stoppt und die Person sicher an Ort und Stelle hält. Über eine integrierte Kurbel kann der Betroffene kontrolliert hochgezogen werden, ohne dass Muskelkraft aufgewandt werden muss. Moderne Systeme sind oft für höhere Lasten als durch Normen vorgeschrieben zertifiziert, was zusätzlichen Spielraum schafft und auch das Anheben von Personen samt deren Werkzeug ermöglicht.
Intelligente Features wie ein integrierter NFC-Tag zur digitalen Verwaltung und Überprüfung der Ausrüstung runden die Lösung ab und erleichtern die vorgeschriebenen jährlichen Inspektionen.
Sicherheit aus einer Hand planen
Ob aus Höhe oder Tiefe – bei der Personenrettung darf kein Kompromiss gemacht werden. Anstatt auf einzelne Komponenten verschiedener Hersteller zu setzen, die im Ernstfall möglicherweise nicht optimal ineinandergreifen, sollten Unternehmen in komplette und einfach zu bedienende Systeme investieren. Integrierte Lösungen, die Anschlagpunkt, Sicherung und Rettungsfunktion kombinieren, minimieren das Risiko und verkürzen die Reaktionszeit im Notfall erheblich.
„Ein professionelles Konzept für die Schachtrettung ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit“, mahnt Rem. „Nur wenn die Ausrüstung stimmt und die Handgriffe regelmäßig trainiert werden, kann im Ernstfall ein Leben gerettet werden.“
Carlos Cruz
… ist Leiter Strategic Business Unit Fall Protection im Unternehmen.