• Absturzsicherung, Höhensicherung

Werterhalt und Zukunftssicherung am Berliner Hauptbahnhof

  • August 28, 2025

Seit Beginn der Hochbauarbeiten am Berliner Hauptbahnhof ist das Industriekletterunternehmen zitras regelmäßig in die Arbeiten integriert. Sven Drangeid, Leiter Geschäftsfeldentwicklung in dem Berliner Unternehmen, berichtet in diesem Gastbeitrag über Projektmanagement und Instandhaltung auf höchstem Niveau.

Besonders bei den Nachtschichten sind regelmäßige Pausen bei den Tätigkeit auf dem Bahnhofsdach notwendig und die Industriekletterer können einen Blick auf den Reichstag genießen, wo vor rund 30 Jahren die Geschichte von zitras begann.

Friedrich dem Großen wird der Ausspruch „Berlin ist auf Sand gebaut – aber Preußen hält das aus“ zugeschrieben und tatsächlich: Wer hier hoch baut, muss sich besonderen geotechnischen Herausforderungen stellen. Für die Baugrube des Berliner Hauptbahnhofs mussten 1,5 Millionen Kubikmeter Material ausgehoben werden und dem Auftriebsdruck des Grundwassers wirken 27 Meter lange Auftriebsanker entgegen.

Abgesehen von der Gründung beeindruckt das Bauwerk in seiner Gesamtheit. Mehrfach ausgezeichnet, unter anderem für herausragende Architektur, exzellente Leistungen im Stahlbau und herausragender Ingenieurleistungen im Bauwesen, nutzen täglich etwa 300.000 Reisende und Besucher den größten Kreuzungsbahnhof Europas, auf dem in
24 Stunden bis zu 1.300 Fern-, Regional-, und
S-Bahn-Züge verkehren.

Akribische Planung und Koordination
Bei einer solchen Frequentierung, der Nutzfläche von 180.000 qm und 27.000 qm Glasfläche, enden Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten nie. Um den Betrieb so wenig wie möglich zu stören, müssen sie akribisch geplant und koordiniert werden. Dabei sind die hohen Sicherheitsstandards bei Arbeiten im Gleisbereich und in öffentlichen Gebäuden einzuhalten. Nachhaltiges Instandhaltungsmanagement und strategische Wartungsplanung sind unumgänglich.

Bei einem architektonisch anspruchsvollen und funktional hochbelasteten Infrastrukturbau wie dem Berliner Hauptbahnhof dient die Instandhaltung weit mehr als nur der Behebung von Mängeln. Durch gezielte Reparaturen und den rechtzeitigen Austausch einzelner Komponenten wird nicht nur dem natürlichen Verschleiß begegnet, sondern auch das Gesamtbild, die Sicherheit und die uneingeschränkte Nutzbarkeit dieses zentralen Verkehrsknotenpunktes garantiert.

Seit Beginn der Hochbauarbeiten am Hauptbahnhof ist das Berliner Industriekletterunternehmen zitras (vormals Seilpartner) regelmäßig in die Arbeiten involviert. Während ein Team an den markanten Bügelbauten über dem Bahnhof Radialgelenke und Fassadendurchdringungen öffnet, dokumentiert und bei Bedarf instand setzt, laufen auf der tonnenförmigen Überdachung der Stadtbahn-Gleise Arbeiten, die wesentlich mehr Koordination und Planung erfordern. Bis zu 16 Meter über den Bahnsteigen werden, meist in Nachtschichten, einzelne Scheiben getauscht.

Einsätze über den Gleisen erfordern Sperrpausen
Einsätze im oder über dem Gleisbereich erfordern Sperrpausen, die im Vorfeld mit der Deutschen Bahn abgestimmt werden, in der Regel sechs bis zwölf Monate im Voraus. Dies bedeutet auch, dass ein erfahrenes Team und alle notwendigen Materialien vor Ort sein müssen, wenn Gleise und Bahnsteige vorübergehend nicht genutzt werden. Bevor es jedoch so weit ist, fallen noch eine Reihe von weiteren Arbeiten an. Alle zu tauschenden Scheiben werden lange vor Aufnahme der eigentlichen Arbeiten vermessen, der Glasaufbau bestimmt, gekennzeichnet und dokumentiert. Beim Glaszulieferer werden die vor Ort genommenen Maße geprüft und aus einzelnen Flachglasscheiben in Verbindung mit elastischer und reißfester Folie, das geforderte Verbundsicherheitsglas (VSG) hergestellt – jede Scheibe eine Sonderanfertigung.

Die auf dem Nord-Süd-Dach eingesetzten Isolierglasscheiben werden aus sechs Einzelkomponenten laminiert und können bis zu 220 kg wiegen. Also nichts, was man als Standard beziehen könnte, da insbesondere die geforderte UV-Beschichtung in Herstellung und Zulassung besonders herausfordernd ist. Im aktuellen Wartungsabschnitt werden 50 Scheiben getauscht, welche teilweise liegend in Rauch- und Wärmeabzugsklappen oder auf Bahnsteigniveau vertikal eingebracht werden. Damit ist nicht nur jedes Glas unterschiedlich, sondern auch der Aus- und Einbauablauf.

Von täglich rund 300.000 Reisenden und Besuchern des Hauptbahnhofs werden die Arbeiten hoch über den Köpfen kaum wahrgenommen. // Fotos (4): zitras

Vögel ein Grund für beschädigte Gläser
Bevor die Gläser jedoch auf das Ost-West-Dach des Hauptbahnhofs gekrant werden, müssen sie nach der Abnahme noch beim Zulieferer in vorgegebener Reihenfolge auf Glasböcke gestellt werden, um unnötige Wege zu vermeiden und den auf dem Dach ohnehin eingeschränkten Arbeitsbereich so frei wie möglich zu halten. Das Kranen der bis zu 800 kg schweren Glasböcke erfordert ebenfalls detaillierte Vorbereitungen: eine verkehrsrechtliche Anordnung, ein ausreichend dimensionierter Kran und natürlich ein genauer Zeitplan.

Der häufigste Grund für defekte Gläser ist so einfach, wie erstaunlich: Vögel. Krähen und Elstern lassen Gegenstände fallen, häufig Kieselsteine. Aus einer Höhe von 10 m erreicht so ein Steinchen im freien Fall eine Geschwindigkeit von ca. 14 m/s. Der erreichte Aufpralldruck kann ausreichen, die oberste Glasschicht zu beschädigen.

Auf dem Dach hat zitras-Projektleiter Christoph Schmidt in der Zwischenzeit sein provisorisches Büro eingerichtet. Hier lagern auch Sicherungs- und Montagematerialien. Aber nur, wenn die Nächte frostfrei sind – auch das gilt es zu berücksichtigen, da der Dichtstoff in verarbeitetem Zustand zwar widerstandsfähig ist, die einzelnen Komponenten jedoch durchaus temperaturanfällig sind.

Insbesondere die Versiegelung der RWA-Klappen ist aufwendig. Die Verarbeitung der Dichtmasse darf nur durch beim Hersteller geschulte Personen erfolgen und die ausreichende Durchmischung wird durch einen Butterfly-Test verifiziert. Der Testbogen wird mit Chargennummer versehen und bis zum Ablauf der Gewährleistung archiviert. Schmidt ist in den Tagen viel unterwegs, prüft Maße, nimmt Gläser ab, stellt Paletten zusammen und beobachtet die Wetterprognose.

Mit bis zu 800 kg pro Hub und jede Scheibe eine Maßanfertigung sind die Arbeiten auf dem Dach des Berliner Hauptbahnhofs alles andere als alltäglich.

Bei Nässe und Glätte kann nicht gearbeitet werden
Abgesehen von temperaturempfindlicher Bauchemie sind Arbeiten auch aus sicherheitstechnischen Aspekten bei Nässe oder Glätte auf dem Tonnendach nicht möglich – aller Sicherungsmaßnahmen zum Trotz.  Bei einem Projekt dieser Größenordnung wird deutlich, wie wichtig die unternehmerische Infrastruktur im Hintergrund ist. Bei zitras ist es gelungen, Organisation und Planung in professionelle Hände zu legen, ohne dabei die Herausforderungen der operativen Abwicklung aus den Augen zu verlieren, gerade bei Arbeitseinsätzen, bei denen seilunterstützte Zugangsverfahren zum Einsatz kommen. Alle Projektleiter kommen aus der Praxis und sind als aufsichtführende Höhenarbeiter durch den Fach- und Interessenverband für seilunterstützte Arbeitstechniken (FISAT) zertifiziert.   

Vervollständigt wird das Angebot des Berliner Unternehmens durch ein Schulungszentrum für sichere Höhenarbeiten mit angeschlossenem Ausrüstungshandel. Somit bietet zitras seinen Kunden einen all-in-one Service an, der seit mittlerweile 30 Jahren ein fester Bestandteil der Branche ist. Vorteil für den Auftraggeber – auch bei komplexeren Projekten nur ein Ansprechpartner, was die Gefahr von Schnittstellenverlusten und Reaktionszeiten durch lange Kommunikationsketten reduziert.

Das Austauschen der Gläser findet nachts statt, wenn der darunterliegende Bahnsteig abgesperrt werden kann. // Foto: zitras

Zurück auf dem Dach des Hauptbahnhofs – Mitte Juni waren 70 Prozent der Scheiben getauscht und versiegelt. Mit dem zweiten Kraneinsatz konnten die ersten alten Gläser vom Dach gehoben und im Anschluss fachgerecht entsorgt werden. Die Arbeiten zogen sich noch bis Mitte Juli, bevor die Endabnahme erfolgen konnte und die Baustelle beräumt wurde. Wer instand hält, schützt nicht nur das Bauwerk – sondern er festigt auch das Vertrauen in den eigenen Betrieb. Und genau darin liegt schließlich die wahre Kunst: unsichtbare Arbeit mit sichtbarer Wirkung. In Zusammenarbeit mit verlässlichen und erfahrenen Partnern ist eine solche Herausforderung zu meistern.

Sven Drangeid

… begleitet als Leiter Geschäftsfeldentwicklung die Maßnahmen am Berliner Hauptbahnhof.

« zurück