An heißen Tagen geraten Hitze und Arbeitsschutz oft in ein Spannungsverhältnis. Bauarbeiter und andere Beschäftigte im Freien stehen dann vor einem Dilemma: Persönliche Schutzausrüstung ist notwendig, um vor Gefahren zu schützen – gleichzeitig kann sie bei hohen Temperaturen als zusätzliche Belastung empfunden werden. Wie dieser Spagat erfolgreich zu meistern ist, erläutert Sabrina Herzele, Produktentwicklerin bei der Marke Gore-Tex in diesem Fachbeitrag.
Legen Beschäftigte ihre PSA wegen der Hitze ab, verschafft das zunächst eine gefühlte Entlastung. Gleichzeitig steigt jedoch das Risiko für Unfälle und Verletzungen deutlich – etwa durch fehlenden Schutz vor mechanischen Gefahren, Funkenflug oder intensiver UV-Strahlung. Kurzfristiger Komfort wird so gegen langfristige Sicherheit eingetauscht.
Effektives Hitzemanagement sollte deshalb nicht bedeuten, zwischen Komfort und Sicherheit wählen zu müssen. Entscheidend ist vielmehr Schutzkleidung, die beides verbindet: Schutz und Tragekomfort auch bei hohen Temperaturen. Moderne Materialien und Technologien können dazu beitragen, Bekleidung leichter, atmungsaktiver und ergonomischer zu machen – und damit die Akzeptanz beim Träger zu erhöhen, ohne auf Schutz zu verzichten.
Die Risiken von Hitze liegen scheinbar auf der Hand, sind in der Praxis jedoch oft weniger leicht zu erkennen. Denn Hitzebelastung entsteht schleichend im Körper: Sie entwickelt sich parallel zur körperlichen Arbeit, ohne sofort wahrgenommen zu werden. Mit zunehmender Arbeitsdauer unter körperlicher Belastung steigt die Körperkerntemperatur und es verändern sich physiologische Prozesse, die für Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit und Ausdauer entscheidend sind. Untersuchungen unter körperlicher Belastung zeigen, dass bereits moderate Anstiege der Körperkerntemperatur ausreichen, um die Leistungsfähigkeit messbar zu beeinflussen – lange bevor eine Situation subjektiv als kritisch empfunden wird.
Genau darin liegt die besondere Herausforderung der Hitzebelastung im Körper: Sie verstärkt bestehende Gefahren, ohne selbst klar als Ursache erkennbar zu sein. Schutzkleidung erfüllt zwar definierte Normen und bietet geprüften Schutz vor äußeren Einwirkungen. Wie stark sich diese schleichende thermische Belastung im Körper entwickelt und wie schnell sie Leistung und Sicherheit beeinflusst, lässt sich über Normen nur indirekt abbilden.
Sabrina Herzele
… ist Produktentwicklerin bei der
Marke Gore-Tex.
Kleine Abweichung – große Wirkung
Der menschliche Körper kann nur in einem engen Temperaturfenster zuverlässig funktionieren. Bereits geringe Anstiege der Körperkerntemperatur haben messbare Auswirkungen. Schon bei etwa 37,5 Grad – also nur rund einem halben Grad über dem Normalwert – beginnt thermisches Unbehagen. Was zunächst als „warm“ empfunden wird, kann sich rasch zu einer spürbaren Belastung entwickeln.
Mit weiter steigender Körperkerntemperatur nimmt die Leistungsfähigkeit ab. Untersuchungen zur Aufmerksamkeit unter Hitzebelastung bei körperlich anspruchsvollen Arbeitsaufgaben zeigen, dass Konzentration und Reaktionsfähigkeit bereits deutlich nachlassen können, noch bevor gesundheitlich kritische Temperaturbereiche erreicht sind. Arbeitskräfte reagieren langsamer, überhören Signale häufiger und empfinden körperliche Belastung schneller als erschöpfend.
Arbeitsphysiologische Studien zeigen außerdem, dass Hitzeerschöpfung bereits knapp oberhalb von 38 Grad auftreten kann – also deutlich unterhalb lebensbedrohlicher Schwellen. Steigt die Körperkerntemperatur weiter an, verlagert sich der Schwerpunkt zunehmend von der Aufrechterhaltung der Leistungsfähigkeit hin zur Vermeidung akuter Gesundheitsgefahren. Dieser Übergang verläuft fließend: Zwischen sicherem Arbeiten und einem deutlich erhöhten Risiko liegen oft weniger als zwei Grad Körperkerntemperatur. Gerade diese geringe Differenz macht die Hitzebelastung zu einem kritischen und zugleich schwer erkennbaren Risikofaktor im Arbeitsalltag unter Schutzkleidung.
Warum Schutzkleidung eine Schlüsselrolle spielt
In Arbeitssituationen mit hoher körperlicher Belastung und steigender Umgebungstemperatur verändert sich, wie der Körper überschüssige Wärme abgeben kann: Solange die Umgebung kühler ist als der Körper, gibt dieser die Wärme direkt an die Umgebung ab – etwa durch Kontakt mit Oberflächen, durch Luftbewegung oder durch Abstrahlung. Diese Formen der Wärmeabgabe werden als „trockene“ Wärmeabgabe bezeichnet.
Mit zunehmender Hitze auf der Baustelle sinkt jedoch die Wirksamkeit dieser Mechanismen. Je mehr die Umgebungstemperatur sich der Körpertemperatur annähert oder diese sogar übersteigt, desto weniger Wärme kann der Körper auf diesem Weg verlieren. In solchen Situationen bleibt ihm im Wesentlichen nur noch ein Mechanismus, um überschüssige Wärme abzuführen: die Verdunstung von Schweiß. Wie gut diese Verdunstung funktionieren kann, hängt maßgeblich von der Wasserdampfdurchlässigkeit
der Bekleidung ab. Der dafür entscheidende Kennwert, ist der sogenannte Ret-Wert (Resistance to evaporative heat transfer). Dieser beschreibt den Widerstand eines Materials gegen die Verdunstung von Schweiß. Ein hoher Ret-Wert behindert diesen Prozess: die Kühlwirkung nimmt ab, und der Körper speichert zunehmend Wärme.
Vom Material zur Körperreaktion
Dass Materialeigenschaften direkten Einfluss auf die thermische Belastung des Körpers haben, ist arbeitsphysiologisch belegt. Entscheidend ist, wie gut Schutzkleidung die Abgabe von Wärme und Feuchtigkeit unterstützt. Wird Schweiß durch die Kleidung nach außen transportiert und kann verdunsten, unterstützt dies die natürliche Kühlung des Körpers.
Arbeitsmedizinische Empfehlungen gehen davon aus, dass die Körperkerntemperatur bei körperlicher Arbeit möglichst nicht um mehr als etwa ein bis zwei Grad Celsius ansteigen sollte. Wird überschüssige Wärme effektiv abgeführt, kann dieser Anstieg verlangsamt werden – und die Zeit verlängert sich, in der Beschäftigte innerhalb dieser sicheren Grenzwerte arbeiten können.
Eine hohe Atmungsaktivität der Kleidung spielt dabei eine entscheidende Rolle. Sie unterstützt die Wärmeabgabe des Körpers und hilft, einen kritischen Anstieg der Körperkerntemperatur zu vermeiden. Wird Wärme dagegen durch wenig atmungsaktive Systeme eingeschlossen, steigt die thermische Belastung schneller an. Beschäftigte benötigen dann häufiger Pausen zur Abkühlung oder legen Schutzkleidung zeitweise ab. Atmungsaktive Schutzkleidung kann daher einen wichtigen Beitrag leisten: Sie unterstützt das thermische Gleichgewicht des Körpers und hilft, Leistungsfähigkeit und Sicherheit auch bei hohen Temperaturen länger aufrechtzuerhalten.
Optimierte Schutzkleidung als Schlüssel gegen Hitzestress
Hitzebelastung ist ein Risiko bei körperlich anspruchsvollen Arbeiten im Freien. Sie ist messbar, wissenschaftlich belegt und durch geeignete Schutzkleidung beeinflussbar. Entscheidend ist, wie gut Schutzkleidung den Körper dabei unterstützt, entstehende Wärme abzugeben und das thermische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.
Schutzkleidung, die den Wärme- und Feuchtigkeitshaushalt unterstützt, verlängert die Zeit, in der sicher gearbeitet werden kann und reduziert das Risiko zunehmender Hitzebelastung im Tagesverlauf. Atmungsaktivität, Feuchtigkeitsmanagement und Gewicht sind zentrale Sicherheitsfaktoren. Für die Auswahl von Persönlicher Schutzausrüstung bedeutet das: Neben normativen Anforderungen sollte die physiologische Realität im Arbeitsalltag stärker berücksichtigt werden.