• Aktuelles, Berufs- und Arbeitskleidung, PSA

Immer nah am Puls

  • August 27, 2025

Seit 115 Jahren werden im Dortmunder Südwesten direkt an der Grenze zu Unna Schuhe gefertigt. Was als Unnaer Schuhfabrik Gebr. Schabsky und Söhne mit einer Produktion für den Umkreis begann, firmiert heute als Arbeits- und Sicherheitsschuhspezialist Atlas und ist weltweit unterwegs. Die Redaktion war zu Gast in dem familiengeführten Unternehmen und sprach mit CEO Hendrik Schabsky, der in fünfter Generation in der Verantwortung steht.

Am Ende des Produktionsprozesses wird jeder einzelne Schuh noch einmal von einem der Mitarbeiter im Unternehmen genau überprüft. // Fotos (2): Atlas

Die Entwicklung, die Atlas allein in den vergangenen 15 Jahren genommen hat, ist schon gewaltig. Marketing Manager
Maximilian Finke, nunmehr auch bereits seit rund 14 Jahren bei Atlas beschäftigt, erinnert sich noch gut, dass bei seinem Start das Gelände deutlich kleiner war, das der Sicherheitsschuh-Experte belegte. „Hier“, so erinnert er sich beim Gang durch das riesige Lager, in dem Hundertausende fertiger Schäfte auf die „Hochzeit“ mit den Sohlen warten, „hier war seinerzeit noch eine Indoor-Soccer-Halle, als ich bei Atlas anfing.“

Während Soccer-Hallen immer weniger werden – schließlich ist Paddel der aktuelle Trend für Sporthallen – wächst Atlas immer weiter. Allwöchentlich kommen mehrere Seecontainer aus dem Werk in Brasilien an, randvoll mit Schäften für die verschiedenen Arbeits- und Sicherheitsschuhe. Mit nunmehr 115 Jahren steht das Unternehmen offensichtlich besser da als jemals zuvor, ist allein in Europa in 21 Ländern vertreten und in den an Deutschland angrenzenden Ländern sogar mit einem eigenen Außendienst.

Die Sohlenfertigung findet komplett im Werk in Dortmund statt.

Herr Schabsky, woher kommt der Name Atlas für das Unternehmen?
Hendrik Schabsky: Das hängt tatsächlich mit dem Telefonbuch zusammen. Gegründet als Unnaer Schuhfabrik Gebr. Schabsky und Söhne 1910 kam damals der Umzug an den jetzigen Standort und da hat mein Großvater überlegt: Schabsky funktioniert nicht so gut, es sollte ein Name sein, der im damals gebräuchlichen Telefonbuch weit vorne steht und der in allen Sprachen funktioniert. So kam er auf Atlas. Ich bin heute echt froh darüber, denn Atlas funktioniert tatsächlich in allen Sprachen. Zumindest ist mir keine bekannt, wo er nicht funktioniert. Atlas – kurz und knapp.

Sie sind ja Geschäftsführer des Unternehmens, aber ich habe gehört, Sie sind auch bei der Produktentwicklung fleißig dabei. Heißt das, Sie bringen sich da regelmäßig mit ein?
Schabsky: Ja, auf jeden Fall. Das ist ja unser Kernthema, wir leben für und von unseren Produkten. Das habe ich von meinem Vater so gelernt, immer nah am Entwicklungstisch zu sein, immer wieder in der Produktion zu sein. Das ist für mich selbstverständlich und das macht mir auch viel Spaß. Ich bin auch regelmäßig mit dem Außendienst unterwegs, halt immer nah am Puls.

Hunderttausende Schäfte wurden in Brasilien gefertigt und warten nun in dem riesigen Lager auf die „Hochzeit“ mit der Sohle. // Foto: Camillo F. Kluge

Ich weiß gar nicht, ob Sie mit Atlas der Marktführer sind, was die Stückzahlen angeht…
Schabsky: Ob wir Marktführer sind oder nicht, spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass wir die glücklichsten Kunden haben. Wobei ich immer sage, dass wir lieber Fans haben möchten als Kunden. Wir wollen, dass die Kunden zu unseren Fans werden. Sie sollen sagen: Ich trage einen Atlas – nicht nur einen Sicherheitsschuh. Das Markenbewusstsein hat sich ja doch in den letzten rund zehn Jahren entwickelt und es wird mehr Wert auf Marken und Qualität auch bei der Workwear gesetzt.

… auf jeden Fall sind Sie prädestiniert zu erklären, was einen guten Arbeits- und Sicherheitsschuhe ausmacht und was das Besondere an denen von Atlas ist.
Schabsky: Ich denke, es ist wie immer im Leben das Gesamtpaket. Es muss alles rundherum passen. Ganz wichtig ist die Passform, und da würde ich sagen, ist dies ein Alleinstellungsmerkmal von Atlas. Wir fertigen sämtliche Produkte komplett selbst. An allen Schuhen, die hier vom Band rollen, produzieren wir alles selber: Wir produzieren die Schäfte im Süden Brasiliens in eigenen Betrieben, die Leisten sind in Brasilien die gleichen wie hier in Dortmund, wo die Sohlen produziert werden. Damit haben wir am Ende ein perfektes Fitting und können auch unser Passform-Versprechen halten. Das ist etwas, was uns auszeichnet, natürlich neben den Themen Atmungsaktivität und Dämpfung. Was Atlas noch grundsätzlich auszeichnet, ist das Thema branchenspezifische Sicherheitsschuhe. Wir haben ein enorm breites Produktportfolio mit 450 verschiedenen Modellen und bieten da für jeden Träger, für jeden Einsatzbereich, das passende Produkt. Wir schauen, wie die Anforderungen lauten, was benötigt der Träger, und dann finden wir mit der Breite unseres Portfolios, mit dem Passform-Versprechen und der Qualität unserer Produkte den ideal passenden Schuh.

Zu den 450 Modellen zählen auch Damenschuhe?
Schabsky: Vor zehn Jahren haben wir damit angefangen, da hatten wir noch sehr wenige Damenschuhe. Das ist aber ein großes Thema, das nach wie vor wächst. Dabei kommt es jedoch nicht auf die Farbe an, im Gegenteil habe ich gelernt, dass Frauen alles wollen, nur keine Damenfarben. Sie wollen ein schönes Produkt haben, aber nicht aus der Masse herausstechen. Aber Geschmäcker sind verschieden und so haben wir auch Produkte in unterschiedlichen Farben. Arbeits- und Sicherheitsschuhe sind ja auch fashion-lastig mittlerweile, es werden moderne Strickmaterialien verwendet. Das ist auch etwas, was uns auszeichnet, immer wieder neue Wege zu gehen, neue Materialien mit in die Produktion einfließen zu lassen. Das lässt sich zudem auch im Qualitäts- und Lieferversprechen umsetzen – auch ein großes Thema von Atlas.

Das Lieferversprechen ist sicher ein Faktor, aber was tut Atlas zudem, um die Beziehungen zu seinen Handelspartnern zu festigen?
Schabsky: Der stationäre Fachhandel nimmt sich Zeit für seine Kunden, berät umfassend, steht an fünf oder sechs Tagen in der Woche parat. Das verdient Unterstützung. So haben wir nicht nur jedes Jahr einige neue Produkte, sondern entwickeln auch unsere Dienstleistungen immer weiter. Unser Fortbildungsprogramm Atlas Education wird konsequent weiterentwickelt, wir bieten Trainings für Azubis, Vertriebsinnen- und Vertriebsaußendienst, und überlegen ständig gemeinsam mit den Handelspartnern, wo wir etwas optimieren können. Auch das Thema FIT Insoles ist etwas, was online nicht funktioniert, sondern dem stationären Fachhandel nutzt. Dennoch erinnere ich auch immer daran, wenn ich den Fachhandel besuche, das Klagen über Ecommerce nichts bringt. Wir kommen um Online nicht herum, also muss ich am Point of Sale mehr bieten. Zum Beispiel das Scannen der Füße, das erachte ich auch als superwichtig, um dem Kunden den in Größe und Weite perfekt passenden Schuh zu bieten.     

Nach dem Scannen wird das Ergebnis genau erläutert und es kann neben dem ideal passenden Schuh bei Bedarf auch eine passende Einlegesohle gefertigt werden. // Foto: Atlas

Viele Themen werden ja auch von anderen Herstellern bespielt. Wie kann man sich da absetzen, wie kann man da voranschreiten?
Schabsky: Man muss tatsächlich Themen immer wieder neu denken, immer wieder innovativ angehen. In diesem Jahr ist es das Thema FIT Insoles, da sind tatsächlich neun Orthopädie-Schuhmachermeister mit Trucks unterwegs und besuchen gemeinsam mit dem Fachhandelspartner die Kunden. Da wird dann der Truck geöffnet und dann haben wir ein komplettes Kompetenzzentrum Fuß an Bord und können nicht nur die Fußvermessung durchführen, sondern auch beraten. Wir können nachfragen, wo den Mitarbeiter im Wortsinn der Schuh drückt. Das Unternehmen bekommt am Ende des Tages dann ein anonymisiertes Feedback und sieht auf einen Blick, wo Handlungsbedarf besteht. Der Fuß ist eben das Fundament, auf dem wir uns bewegen, also bitte, investiert in gutes Schuhwerk. So gewinnen wir auch neue Kunden und Fans, da sind wir nicht mehr nur Hersteller, sondern sind Berater, Dienstleister. Das bietet aktuell kein Wettbewerber.     

Sie investieren enorm viel in Marketing-Maßnahmen mit dem Borussia Dortmund, mit Joey Kelly, in den Motorsport und zuletzt in den Deutschen Handballbund. Wie rechnet sich das?
Schabsky: Solches Engagement lässt sich niemals eins zu eins auf den Produktverkauf transferieren. Diese Aktivitäten dienen dazu, die Marke einfach weiter zu pushen, die Markenbekanntheit zu steigern. Da ist solch eine Möglichkeit wie mit dem DHB ideal, denn die Handballer sind jetzt in ganz Europa mit Atlas auf der Brust unterwegs, da, wo eben auch unsere Produkte vertrieben werden.

Das Thema Nachhaltigkeit wird ja auch bei Atlas groß geschrieben. Ein großer Teil der Fahrzeugflotte für den Vertrieb ist umgerüstet, der größte Teil des für die Produktion benötigten Stroms wird selbst erzeugt und vieles mehr. Zudem werden auch recycelte Materialien in Schuhen integriert. Ist es dann schwieriger, dass diese Schuhe die Zertifizierungen schaffen?
Schabsky: Eigentlich nicht. Es ist wesentlich schwieriger, das höhere Preisgefüge draußen am Markt zu vertreten.

Erklären Sie es bitte einmal, warum ein Produkt, also ein Schuh, der salopp gesagt mit Abfällen anderer Produkte produziert wird, mehr kostet als ein „normaler“ neuer Schuh.
Schabsky: Das sind die Prozesskosten. Nimmt man als Beispiel das Recyclat: Da muss sichergestellt sein, dass bei der Zuführung in die Granulieranlage nur Top-Material drin ist, da darf kein Pappbecher oder sonst etwas zwischen sein. Per Handkontrolle und mit einem zusätzlichen Magnetabscheider wird das bei der Zufuhr akribisch überprüft. Dann wird das Material millimetergenau granuliert, anschließend muss es getrocknet werden, denn es bedarf eines passenden Feuchtigkeitsgehalts für den Prozess. Erst danach wird das Recyclat dann genau dosiert dem neuen Produktionsprozess zugeführt. Der ganze Prozess ist halt sehr aufwändig und kostet Maschinen- und Man-Power.

Bei den recycelten Polyestern für die Schäfte ist es einfacher?
Schabsky: Das kaufen wir mittlerweile als fertige Ware mit ein. Das läuft unter Repreve, wo vereinfacht gesagt aus alten PET-Flaschen neue Polyesterfäden werden. Das setzen wir bereits auch ein.

Im Herbst steht die Weltleitmesse A+A an. Atlas wird doch sicher etwas Neues präsentieren?
Schabsky: Tatsächlich werden wir zwei neue Serien vorstellen. Eine ist auf unsere „Kern-Fans“ im Baubereich mit S3-Schuhen ausgerichtet, S3-Schuhe mit Lederalternative, eine ganz neue Performance. Die andere neue Serie behandelt das Thema superleicht und Strickschäfte mit einer neuen Sohle. Die Serie ist schon sehr von Sportschuhen inspiriert. Bei den beiden Serien dürfte für jeden etwas Interessantes dabei sein.

Sie leiten ja in 5. Generation das Unternehmen. Ist das eine Bürde, mit 31 Jahren die Verantwortung für Hunderte Menschen zu haben?
Schabsky: Es ist schon eine große Verantwortung. Ich habe meine Großmutter noch als Firmenoberhaupt erlebt in Zeiten, wo wir 2000 Paar Schuhe im Monat produziert haben. Unter meinem Vater ging es dann voran. Er hat immer gesagt: Lass uns nicht zurückschauen. Ich denke mir heutzutage, ab und zu mal zurückzublicken, was war, was hat man gelernt, Erfolge bewusst zu feiern, das ist auch wichtig. So wie das Unternehmen heute aufgestellt ist, können wir es sicher in eine gute Zukunft führen. Dazu müssen wir jedoch immer wieder am Ball bleiben. Mir bereitet das alles sehr viel Spaß und Freude.

Herr Schabsky, ganz herzlichen Dank für das offene Gespräch.
Mit Hendrik Schabsky sprach Chefredakteur Camillo F. Kluge

Hendrik Schabsky (l.) und Chefredakteur Camillo F. Kluge im Gespräch, auf dem Tisch einige teilweise schon historische Schuhe und Schuhkartons aus der 115-jährigen Geschichte des Unternehmens. // Foto: Camillo F. Kluge
« zurück