• Handschutz, PSA

Klare Schutzidee für konkrete Gefährdungen

  • August 14, 2025

27 Knochen, über 40 Muskeln, mehr als 30 Gelenke – die menschliche Hand ist ein präzises Zusammenspiel aus Kraft und Kontrolle. Sie ist Antrieb unseres Alltags. Unsere Hand ist ein wahres Bewegungstalent: Bis zu 25.000 fein abgestimmte Aktionen pro Tag werden allein durch die Finger ausgeführt. Sie dosieren Kraft präzise, reagieren sensibel und meistern komplexe Aufgaben scheinbar mühelos. Worauf beim Handschutz im Arbeitsalltag zu achten ist, erläutert Melanie Kador, Sales Representative bei Wonder Grip.

Für unterschiedliche Anforderungen und Gefährdungen gibt es speziell passende und schützende Handschuhe. // Fotos (2): Wonder Grip

Nahezu jede berufliche Tätigkeit ist auf funktionierende Hände angewiesen. Und doch wird ihre Bedeutung im Alltag häufig unterschätzt. Ein einziger unbedachter Moment kann alles verändern. Schnitte, Quetschungen, Verbrennungen oder Frakturen zählen zu den häufigsten Verletzungen im Arbeitsalltag.

Aus der Unfallstatistik ist bekannt: In etwa 80 Prozent der Fälle fehlte beim Unfall jeglicher Handschutz. Zahlreiche dieser Verletzungen hätten durch passende und getragene Schutzausrüstung verhindert werden können, denn oft genügt eine kleine Unachtsamkeit und der Schaden ist da.

Noch kritischer wird es, wenn Sehnen durchtrennt, Muskeln zerstört oder Nervenbahnen irreparabel geschädigt werden. Die medizinische Versorgung ist aufwendig, die Wiederherstellung oft langwierig und mit ungewissem Ausgang. Was zurückbleibt, ist nicht nur körperlich spürbar. Auch psychisch hinterlässt das oft tiefe Spuren. Und je schwerwiegender die Verletzung, desto dramatischer sind die Folgen für den betroffenen Menschen, aber auch für das Unternehmen.

Rechtliche Konsequenzen
Verlust von Beweglichkeit, langwierige Therapien, Umschulungen oder dauerhafte Berufsunfähigkeit sind keine Seltenheit. Wird bei einem Arbeitsunfall festgestellt, dass keine geeignete PSA getragen wurde, kann das zusätzlich zu rechtlichen Konsequenzen führen und im Einzelfall existenzbedrohend für Betrieb und Beschäftigte werden. Mit dem richtigen Handschutz hätte sich das in vielen Fällen verhindern lassen.

Doch was genau bedeutet „richtiger Handschutz“ eigentlich? Nicht jeder Handschuh ist ein Schutzhandschuh. Nur geprüfte, zertifizierte Modelle erfüllen die Anforderungen, die im professionellen Einsatz gelten und diese müssen auch als solche klar sichtbar auf dem Handschuh gekennzeichnet sein. Nur wenn alle diese Faktoren erfüllt sind, darf ein Handschuh offiziell als persönliche Schutzausrüstung (PSA) eingesetzt werden.

Was einen Handschuh zum zertifizierten Schutzhandschuh macht, ist durch Normen klar geregelt. Was steckt beispielsweise hinter der „Norm für Schutzhandschuhe gegen mechanische Risiken“? Diese Norm beschreibt die mechanische Leistungsfähigkeit eines Handschuhs in vier Prüfkategorien – ergänzt um eine Buchstabenkennung für erweiterten Schnittschutz sowie optional einen weiteren Buchstaben für Stoßschutz.

Die Beschriftung auf den Handschuhen gibt Hinweise über die verschiedenen Schutzfunktionen.

Die erste Ziffer Abriebfestigkeit: Wie oft kann der Handschuh über eine standardisierte Schleifoberfläche gezogen werden, bevor ein Loch entsteht? Relevant, wenn es auf Langlebigkeit und Widerstandsfähigkeit bei rauen Oberflächen ankommt – etwa im Umgang mit Stein, Holz oder groben Werkzeugen.

Die zweite Ziffer Schnittfestigkeit (Coup-Test):
Wie oft kann ein rotierendes Messer unter gleichbleibender Kraft über das Material gleiten, bevor es durchtrennt wird? Hinweis: Der Coup-Test ist veraltet und wird bei neu entwickelten Handschuhen nicht mehr durchgeführt. An dieser Stelle steht dann ein „X“ – das bedeutet nicht, dass der Handschuh durchgefallen ist, sondern dass dieser Test nicht durchgeführt wurde. Die Bewertung der Schnittfestigkeit erfolgt stattdessen über den neuen ISO-13997-Test.

Die dritte Ziffer Weiterreißfestigkeit:
Wie viel Kraft braucht es, um einen angerissenen Handschuh weiter aufzureißen? Ein Thema bei ruckartigen Bewegungen oder wenn der Handschuh durch Materialkontakt stark beansprucht wird – etwa beim Einhaken, Ziehen oder schnellen Umgreifen.

Die vierte Ziffer Durchstichfestigkeit:
Wie viel Kraft ist notwendig, um mit einem genormten Dorn durch das Material zu stechen? Relevant bei Arbeiten mit Drahtenden, Dornen, Splittern oder scharfkantigen Bauteilen.

Erweiterter Schnittschutz A bis F:
Ein zusätzlicher Buchstabe gibt an, wie widerstandsfähig der Handschuh bei besonders belastenden Schnittsituationen ist – gemessen nach ISO 13997 unter definierter Krafteinwirkung.

  • A steht für die niedrigste Stufe – geeignet bei sehr geringen Schnittgefahren.
  • B bietet etwas mehr Schutz, etwa bei leichten Montagearbeiten.
  • C deckt ein mittleres Schutzniveau ab – ein Allrounder für viele industrielle Anwendungen.
  • D bietet erhöhten Schutz bei häufigem Kontakt mit scharfkantigem Material.
  • E ist für sehr hohe Schnittgefahr ausge legt – z. B. in der Blechverarbeitung oder im Recyclingbereich.
  • F steht für die höchste Stufe – maximale Schnittfestigkeit bei extremer Beanspruchung.

(Zur Einordnung: Die Stufen A bis F entsprechen Widerstandswerten von ≥ 2 bis ≥ 30 Newton – gemessen unter standardisierter Krafteinwirkung nach ISO 13997.)

Zusätzlicher Buchstabe P für Stoßschutz: Ein P hinter der Kennziffer zeigt an, dass der Handschuh zusätzlich auf Stoßschutz geprüft wurde – speziell auf dem Handrücken. (Das P steht international für Impact Protection).

Sorgfältiger Entwicklungsprozess
Doch wie entsteht ein Modell, das nicht nur schützt, sondern im Alltag auch überzeugt? Die Antwort liegt in einem sorgfältig abgestimmten Entwicklungsprozess. Die Herstellung eines professionellen Schutzhandschuhs beginnt mit einer klaren Schutzidee, basierend auf konkreten Gefährdungen im jeweiligen Einsatzbereich. Dazu kommen passende Materialien, fein aufeinander abgestimmte Technologien, ergonomische Details, flexible Verstärkungen, Beschichtungen und Griffzonen, die dem Zweck dienen – Masche für Masche, Idee für Idee, Test für Test. So entsteht ein Produkt, das nicht nur zertifiziert ist, sondern getragen wird, weil es überzeugt.

Doch um das zu leisten, muss ein Handschuh selbst ein kleines Meisterwerk sein. Er schützt das komplexeste Werkzeug des Menschen und darf dabei keinesfalls zum Fremdkörper werden. Stattdessen braucht es ein durchdachtes Zusammenspiel aus Materialwissenschaft, Ergonomie und Anwendungskompetenz. Wie das aussehen kann, zeigen spezialisierte Hersteller, die auf eigene Entwicklungen und intensive Praxistests setzen, statt auf Standardlösungen von der Stange.

So entstehen Schutzhandschuhe, die Schutz und Feinfühligkeit nicht als Widerspruch sehen, sondern als Ziel. Die nicht nur Normen erfüllen, sondern Berufe verstehen. Die mit jeder Faser spürbar machen, was moderne PSA leisten kann. Ein Handschuh wird dann zur Entscheidung, wenn er nicht mehr aufhält, sondern schützt, unterstützt und getragen wird. Denn ein Handschuh, der ein Meisterwerk schützt, sollte idealerweise selbst eines sein.

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