Das Thema Nachhaltigkeit und Recycling beschäftigt auch den niederrheinischen Sicherheitsschuh-Spezialisten Elten. Maret Piske ist im Qualitäts- und Umweltmanagement Referentin für Nachhaltigkeit und dort auf Nachhaltigkeitskommunikation spezialisiert. Sie fungiert als Schnittstelle zwischen Qualitäts- und Umweltmanagement, Vertrieb, Marketing und Produktmanagement. Im Gespräch mit Chefredakteur Camillo Kluge erklärt sie, wie nachhaltig der Hersteller aus Uedem arbeitet.
Was sind denn Ihre Aufgaben als Nachhaltigkeitsreferentin?
Maret Piske: Mein Schwerpunkt liegt auf der Nachhaltigkeitskommunikation – und die ist ziemlich breit gefächert. Ich begleite zum Beispiel den Vertrieb bei Kundenterminen, wenn es konkrete Fragen in diesem Bereich gibt. Gerade bei Ausschreibungen spielt das immer häufiger eine Rolle. Kunden schicken uns dann zum Teil umfangreiche Fragebögen, etwa zur Social Compliance in der Lieferkette. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Kommunikation nach außen. Durch neue gesetzliche Vorgaben wird stärker reguliert, wie wir Inhalte formulieren, um Greenwashing zu vermeiden. Da unterstütze ich das Marketing bei allen entsprechenden Materialien. Außerdem arbeite ich eng mit dem Produktmanagement zusammen, etwa beim Product Carbon Footprint, also dem CO₂-Fußabdruck einzelner Modelle. Und ich begleite Kunden, wenn sie Workshops zu diesem Themenfeld durchführen möchten.
Da kommt sicher keine Langeweile auf. Auf der A+A hat Elten doch einen Schuh präsentiert, der aus recycelter Workwear hergestellt wurde.
Piske: Ja, genau, das war das Timba-Modell. Im Schaft wurde ein aus alter Berufs- und Arbeitskleidung hergestelltes textiles Gewebe verwendet. Ein Projektpartner sammelte diese Textilien und verarbeitete sie anschließend zu neuem Stoff.
Also nicht zu 100 Prozent ein Schuh aus recyceltem Material?
Piske: Nein, so weit sind wir noch nicht. Am Anfang lag der Anteil bei rund 15 Prozent im Schaftmaterial. Inzwischen sind wir bei knapp 50 Prozent angekommen. Da hat sich also schon einiges entwickelt. Der Versuch hat somit gezeigt, dass sich das umsetzen ließe. Wir wissen inzwischen, dass es funktionieren würde, verbunden mit einem kleinen Aufpreis, weil das Gewebe aus recycelter Workwear speziell produziert werden müsste.
Kleiner Aufpreis heißt?
Piske: Das wären etwa vier bis fünf Euro pro Paar. Das ist überschaubar, aber eben etwas mehr.
Die Frage, die sich stellt: Warum ist es teurer? Es sind doch immer mehr Hersteller, die mit recycelten Stoffen arbeiten.
Piske: Der Herstellungsprozess ist aktuell noch aufwendiger als bei neuen Materialien. In der Weiterverarbeitung gibt es Herausforderungen, zum Beispiel durch Faserreste, die Maschinen verstopfen können und zusätzliche Reinigung erfordern. Auch die Vorbereitung kostet Zeit, weil die eingesammelten Textilien sortiert und hinsichtlich ihrer Zusammensetzung geprüft werden müssen. Dazu muss man die Materialzusammensetzung kennen oder identifizieren, was sich weiterverarbeiten lässt. Die Abläufe verbessern sich zwar schrittweise, aber im Moment sind sie noch entsprechend kostenintensiv.
Somit ist das Modell Timba derzeit noch nicht als Sicherheitsschuh bestellbar?
Piske: Der Timba mit Anteilen recycelter Workwear nicht. Das war eine Machbarkeitsstudie. Verfügbar sind aber schon jetzt zwei Timba Modelle mit hohen Anteilen an Rezyklat in den Obermaterialien, der Timba Low mit 48 Prozent Rezyklat im Schaft und beim Timba Mid sind es 51 Prozent Rezyklat im Schaft.
Eigentlich sind ja Nachhaltigkeit und das Produzieren von Textilien und Schuhen Gegensätze. Geht die Nachhaltigkeitsreferentin da in die Produktion und erklärt, wie etwas zu optimieren ist?
Piske: Nein, so läuft das nicht. In den Fachabteilungen ist schon Vieles fest verankert. Ein bewusster Umgang mit Ressourcen gehört dort zum Grundverständnis. Im Produktmanagement wird kontinuierlich geschaut, ob es alternative Materialien gibt. Am Standort selbst setzen wir unter anderem auf eine Photovoltaikanlage und nutzen Wärmetauscher, um entstehende thermische Energie weiterzuverwenden.
Wie sieht es mit dem Thema Wassermanagement aus?
Piske: In unserer eigenen Produktion fällt kein Prozesswasser an, deshalb spielt Wasser bei uns keine große Rolle. Über die Zusammenarbeit mit der Leather Working Group stellen wir aber sicher, dass bei unseren Zulieferern, also den Gerbereien, entsprechende Umweltstandards auch im Bereich des Wassermanagements eingehalten werden.
Und bei den Textilien?
Piske: Das hängt stark vom jeweiligen Prozess ab. Unsere Risikoanalyse zeigt, dass der größte Einfluss beim Färben liegt – sowohl beim Verbrauch als auch bei der Verschmutzung. In den Nähereien steht dagegen Social Compliance im Fokus, weil dort viel Handarbeit notwendig ist. Deshalb arbeiten wir mit dem Programm der amfori Business Social Compliance Initiative, einem der am weitesten verbreiteten Social Compliance-Programme zur Verbesserung ethischer und sozialer Standards in globalen Lieferketten, die die Schaftproduktion kontrollieren.
Das alles führt zu dem sogenannten ökologischen Fußabdruck. Lässt sich der eigentlich auf einen einzelnen Schuh herunterberechnen und ist dann vergleichbar mit dem Wettbewerb zum Beispiel?
Piske: Man kann den Wert tatsächlich auf ein einzelnes Produkt herunterbrechen, aber die Ergebnisse sind nur bedingt vergleichbar.
Warum?
Piske: Das hängt davon ab, welche Daten man verwendet, welche Methodik zugrunde liegt und welche Systemgrenzen definiert werden. Nicht immer stehen Primärdaten zur Verfügung, deshalb arbeitet man teilweise mit Hochrechnungen
Hochrechnungen?
Piske: Ja, wobei wir versuchen, so viele Primärdaten wie möglich zu nutzen. Für unseren Standort kennen wir die Emissionswerte genau und können sie direkt einbeziehen. Teilweise erhalten wir solche Daten auch von unseren Zulieferern. In anderen Bereichen, etwa bei der Herstellung von Polyester, greifen wir auf Datenbanken zurück. Entscheidend ist außerdem, welche Systemgrenzen – also welche sogenannten Scopes – man definiert. Da kann es zum Beispiel darum gehen, ob nur die Rohstoffherstellung betrachtet wird oder auch Transport, Nutzung und Entsorgung einfließen. Je nach Datenbasis, Berechnungsmethode und gewähltem Scope können die Ergebnisse unterschiedlich ausfallen. Auch der Zeitpunkt der Datennutzung spielt eine Rolle, weil Datenbanken regelmäßig aktualisiert werden und sich Werte dadurch verändern können.
Wem nutzt so was dann, wenn alle tolle Werte haben, aber alle anders berechnen? Vergleichbarkeit ist doch wichtig.
Piske: Wir fragen unsere Kunden tatsächlich oft nach dem Zweck solcher Anfragen. Uns ist wichtig zu betonen, dass die Werte nicht direkt vergleichbar sind. Für uns liegt der Nutzen vor allem darin, Emissionsschwerpunkte zu erkennen. Also zu sehen, in welchen Materialien oder Prozessschritten besonders viele Emissionen entstehen. Darauf können wir aufbauen und gezielt Maßnahmen ableiten. Gleichzeitig müssen natürlich die Sicherheitsanforderungen eingehalten werden. Am Ende geht es uns darum, praktikable und umsetzbare Lösungen zu finden – nicht darum, Zahlen für Marketingzwecke zu schönen.
Haben Sie ein Beispiel?
Piske: Ja, etwa beim Umgang mit Produktionsresten. In Uedem fallen bei der Besohlung PU- und TPU-Verschnitte an. Die führen wir komplett zurück, schreddern sie und setzen sie anteilig wieder in der Zwischensohle ein. Andere Reststoffe geben wir an Partner weiter, die daraus zum Beispiel Dämmmaterialien, Antirutschmatten oder Sportböden herstellen. Im vergangenen Jahr waren das rund 150 Tonnen, die so weiterverwertet wurden.
Wo engagiert sich Elten denn noch im Bereich der Nachhaltigkeit?
Piske: Ein besonderer Schwerpunkt liegt bei uns im Recycling getragener Schuhe. Wir haben dazu ein Projekt mit einem Kunden abgeschlossen, bei dem wir gebrauchte Modelle eingesammelt, zerkleinert und chemisch aufbereitet haben, um das Material wieder in die Produktion zurückzuführen. In dieser Form ist mir bislang kein vergleichbarer Ansatz begegnet.
Damit kommt man dem eigentlichen Ziel der Kreislaufwirtschaft recht nahe.
Piske: Genau, das ist die Idee dahinter. Ziel ist es, Rohstoffe möglichst lange im Kreislauf zu halten und sie nicht einfach thermisch zu verwerten. Im Moment bewegt sich das noch auf Laborebene, aber wir konnten zeigen, dass der Ansatz grundsätzlich funktioniert und sich die Materialien entsprechend aufbereiten lassen. Das können wir bei uns natürlich auch gut umsetzen, weil wir eine eigene Produktion in Deutschland haben.
Das ist ja wahrscheinlich noch sehr teuer, um das serienreif zu gestalten, oder?
Piske: Ja, im Moment ist das wirtschaftlich noch nicht darstellbar. Die technischen Voraussetzungen für größere Mengen fehlen ebenfalls. Für uns war zunächst entscheidend zu klären, ob sich der Ansatz überhaupt umsetzen lässt – also als Machbarkeitsstudie.
Aber Elten agiert ja auch anderweitig nachhaltig.
Piske: Wir arbeiten sehr eng mit unseren Partnern zusammen, sowohl mit Kunden als auch mit Lieferanten, und setzen auf langfristige Beziehungen. Dieser Austausch ist ein wichtiger Bestandteil. Am Standort Uedem achten wir zudem auf unseren CO₂-Ausstoß, etwa durch Photovoltaik und Wärmenutzung. Gleichzeitig sind wir hier stark verwurzelt. Dieses Gesamtverständnis trägt dazu bei, dass wir uns kontinuierlich mit den Anforderungen von morgen auseinandersetzen.
Maret Piske
… ist im Qualitäts- und Umweltmanagement Referentin für Nachhaltigkeit bei Elten und arbeitet von Berlin aus.