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Verstecktes Gesundheitsrisiko geogener Asbest

  • Mai 28, 2026

In Deutschland gilt seit 1993 ein Verbot für den Einsatz asbesthaltiger Materialien. Doch auch heute noch kann der sogenannte geogene Asbest aus natürlichen Gesteinen unterschiedliche Baustoffe kontaminieren. Laut dem promovierten Geologen Dr. Stefan Pierdzig vom Asbest-Prüflabor CRB Analyse Service stammen alle Analyseverfahren aus Zeiten, in denen man sich dieser Problematik noch nicht bewusst war. Was das für die Analytik bedeutet, welche Gesundheitsgefährdung damit einhergehen und welche Berufsstände betroffen sind, erläutert CRB-Laborleiter Pierdzig im Interview.

Beim Schneiden von Natursteinen können die Stäube gefährliches geogenes Asbest beinhalten, ein Atemschutz sollte da getragen werden. // Foto: Pixabay

Herr Dr. Pierdzig, erklären Sie bitte den Unterschied zwischen geogenem und technischen Asbest.
Dr. Stefan Pierdzig: Geogener Asbest bezeichnet Asbestminerale, die ungewollt und häufig unbemerkt über mineralische Rohstoffe in Baustoffe gelangen. Er ist natürlicher Bestandteil unterschiedlicher Gesteine wie Basalt, Diabas, Gabbro, Serpentinit oder Amphibolit. Kalkmehl aus „unreinen“ silikatischen Marmoren enthält häufig Tremolit. Da Kalkmehl als Füllstoff in der Papierindustrie oder als Zuschlagsstoff für die Herstellung von Putzen, Spachtelmassen und Farben Einsatz findet, gelangt Tremolit in alle möglichen Materialien. Auch technischer Asbest stammt aus natürlich entstandenen Lagerstätten. Er wird in manchen Ländern sogar heute noch gezielt abgebaut und gewollt in Produkten eingesetzt. Aufgrund seiner Hitze-, Chemikalien- und Verschleißbeständigkeit kam er hierzulande bis in die 1990er Jahre unter anderem in Asbestzement, Dämmstoffen, Dichtungen oder Bremsbelägen zum Einsatz.

Gibt es Unterschiede zwischen geogenem und technischen Asbest bezüglich der Gesundheitsschädlichkeit?
Pierdzig: Es gibt keine belastbaren medizinischen Hinweise auf Unterschiede in der Toxizität von geogenem und technischem Asbest, also auch keine Unterscheidung in guten oder bösen Asbest. Entscheidend für das Risiko ist nicht die Herkunft der Fasern, sondern die Möglichkeit, sie einzuatmen. Sobald in Arbeitsprozessen Asbestfasern freigesetzt werden können, gelten die gleichen Schutzanforderungen nach der Gefahrstoffverordnung sowie den einschlägigen technischen Regeln, etwa TRGS 517 und TRGS 519. Ohne Schutzmaßnahmen gelangen feine Asbestbestandteile mit der Atemluft in die Lunge, reizen die Organe und führen zu langfristiger Narbenbildung. Das Risiko für Krankheiten wie Asthma, Kurzatmigkeit, Lungenkrebs und andere Krebserkrankungen steigt.

Laborleiter Dr. Stefan Pierdzig analysiert Materialproben. // Fotos (2): CRB Analyse Service

In welchen Baustoffen kann geogener Asbest vorkommen und in welchen Varianten?
Pierdzig: Da geogener Asbest von Natur aus in Gesteinen vorkommt, kann er unbeabsichtigt in Produkten landen. Nach unseren Analysen zählen dazu beispielsweise Talkumpulver, Gesteinssplit in Straßenbelägen, Putze, Spachtelmassen oder Farben. Auch in Arbeits- oder Fußbodenplatten aus Natursteinen wie Schiefer und Marmor lassen sich Asbestpartikel finden. Geogener Asbest, in der Regel Tremolit/Aktinolith und seltener Anthophyllit, tritt meist nur in geringen Konzentrationen im Material auf und dann vorwiegend in Form kurzprismatischer Nadeln. Es kann auch passieren, dass Asbestfasern erst durch das Bearbeiten eines Gesteins bestehend aus nicht faserförmigen Mineralen entstehen. Dabei zerfallen sie, aufgrund der hervorragenden Längsspaltbarkeit der Amphibol-Asbeste, in feine Nadeln oder Fasern mit unregelmäßig geformten Kanten.

Und abseits von Baustoffen, Stichwort Tunnelbau oder Baustellen im Gebirge?
Pierdzig: Beim Straßen- und Tunnelbau in potenziell asbesthaltigen Gesteinen gelten die Regelungen der TRGS 517. Sie schreiben eine geologische Erkundung, eine Gefährdungsermittlung durch den Auftraggeber und gegebenenfalls die Einleitung entsprechender technischer und organisatorischer Schutzmaßnahmen vor.

Unter welchen Umständen gelangt geogener Asbest in die Atemluft?
Pierdzig: Egal ob Baustoffe oder natürliche Rohstoffe – sobald man diese mechanisch beansprucht, also sprengt, bricht, sägt, bohrt oder schleift, können sich Asbestfasern freisetzen.

Welche Berufsgruppen sind von geogenem Asbest betroffen?
Pierdzig: Vielleicht mehr, als man auf den ersten Blick sieht. In erster Linie geht es natürlich alle Berufsgruppen an, die sich mit dem Abbau asbesthaltiger natürlicher Gesteine beschäftigen. Aber auch alle anderen Gewerke vom Fliesenleger bis zum Maler können geogenen Asbest in Baustoffen freisetzen.

Im Dezember 2025 trat die novellierte Gefahrstoffverordnung in Kraft, die den Umgang mit technischem Asbest verschärft. Gibt es auch Richtlinien für geogenen Asbest?
Pierdzig: Leider nein. Solche Regeln braucht es dringend. Die Kriterien zur Faseridentifizierung von Asbest in allen Richtlinien und Normen zur Asbestanalyse stammen noch aus Zeiten, als geogener Asbest kein Thema war. Daher existieren aktuell keine klaren Unterscheidungskriterien für beide Asbest-Typen. Daran arbeiten wir zurzeit in VDI-Richtlinienausschüssen.

Vor welche Herausforderungen stellt geogener Asbest die Analytik?
Pierdzig: Eigentlich vor keine. Fasern geogenen Asbestes unterscheiden sich in ihrer Ausbildung in der Regel deutlich von technisch verwendetem Asbest. Sie sind mit den gängigen Analyseverfahren der Rasterelektronenmikroskopie (REM) und der Röntgenmikroanalyse (EDX) eindeutig als Asbest zu identifizieren.

Welche Handlungsempfehlungen und Schutzmaßnahmen sprechen Sie für Straßenbauer aus? Was raten Sie Arbeitskräften im GaLa-Bau, die einen Garten mit Natursteintreppen, Palisaden, Bord- und Pflastersteinen anlegen?
Pierdzig: Bei Verdacht auf asbesthaltiges Material bitte immer staubarm arbeiten. Es empfiehlt sich, zusätzlich Mundschutz und entsprechende Schutzkleidung zu tragen.

Dr. Stefan Pierdzig

… ist Laborleiter im Asbest-Prüflabor CRB Analyse Service.

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