Wetterextreme treten im Zuge des Klimawandels häufiger auf: Europa erlebt wieder Wintereinbrüche wie wochenlange Frostperioden in Skandinavien, eisige Ostwinde in Deutschland und Schneestürme in den Alpenregionen. Was das für Bau und Handwerk und alle, die Tätigkeiten mit wechselnden Belastungen auch im Freien ausüben, bedeutet, betrachtet Anna West, Komfortwissenschaftlerin im Bereich Schutzbekleidung bei Gore-Tex.
Auf Baustellen, in der Energieversorgung und im Transportwesen stehen Arbeiter stundenlang im Freien – häufig bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Besonders herausfordernd sind dabei Tätigkeiten mit wechselnden Belastungen: mal körperlich anstrengend, mal statisch, dazu Wind, Nässe oder Pausen im Freien.
Viele Arbeiter ziehen sich morgens für die tiefsten Temperaturen des Tages an – verständlich, aber riskant. Bei körperlicher Arbeit steigt die Wärmeproduktion rasch an, der Körper beginnt zu schwitzen und Feuchtigkeit gelangt in die Kleidung. Sobald die Belastung nachlässt, kühlt der Körper durch die feuchte Kleidung schnell wieder aus – ein Effekt, der sich bei Wind nochmals verstärkt.
Risiko liegt im Wärmehaushalt
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Kälteprobleme nicht durch tiefe Temperaturen allein entstehen, sondern durch ein Ungleichgewicht zwischen Wärmeproduktion und Wärmeabgabe: Der Körper erzeugt bei körperlicher Arbeit Wärme. Wird diese durch zu starke Isolierung eingeschlossen, überhitzt der Körper zunächst und beginnt zu schwitzen. Sinkt die Belastung anschließend, kühlt der Körper durch die feuchte Kleidung rasch wieder aus – ein Vorgang, der Muskelkraft mindert, Reaktionen verlangsamt und die Feinmotorik beeinträchtigt. Das erhöht das Risiko für Fehlentscheidungen und Erschöpfung.
Warum trockene Luft schützt
Der zentrale physikalische Mechanismus dahinter: Kleidung wärmt nicht, weil sie selbst warm ist, sondern weil sie Luft einschließt. Diese wirkt wie ein unsichtbares Schutzpolster – allerdings nur, solange sie trocken bleibt. Dringt Wasser in die Kleidung ein, geht dieser Effekt verloren: Feuchtigkeit verdrängt die eingeschlossene Luft und leitet Wärme rund 25-mal schneller. Damit sinkt die Isolationsleistung schlagartig. Besonders problematisch ist Schweiß, weil er an der inneren Lage des Bekleidungssystems entsteht und zunächst unbemerkt bleibt.
Wind als stiller Beschleuniger des Wärmeverlusts
Ohne eine winddichte Außenschicht beschleunigt Wind den Wärmeverlust zusätzlich durch Konvektion. Dabei wird nicht nur die warme Luft direkt am Körper weggeweht, sondern auch die in den Kleidungsschichten gespeicherten Luftpolster werden gestört. Dieser Effekt wird als Windchill-Effekt bezeichnet. Schon bei Null Grad und 30 km/h Wind fühlt sich die Temperatur für den Körper wie etwa –10 Grad an. Besonders kritisch wird es, wenn zuvor Schweiß in das Kleidungssystem gelangt ist – nasse Isolierung verstärkt den Windchill zusätzlich. In der Praxis ist dies eines der häufigsten Probleme: Kleidung ohne ausreichenden wind- und wetterfesten Schutz verliert innerhalb kürzester Zeit ihre isolierende Wirkung, weil das Luftpolster davongetragen wird.
Effektiver Kälteschutz bedeutet daher immer auch einen verlässlichen Wind- und Wetterschutz. Normen wie die ISO 11079, die den Kälteschutz kompletter Kleidungssysteme bewertet, berücksichtigen dieses Zusammenspiel aus niedrigen Temperaturen, Luftbewegung und den einzelnen Schichten – und dienen Arbeitsschutzfachleuten als Grundlage, um die Eignung von Schutzkleidung für reale Einsatzbedingungen zu beurteilen.
Ein abgestimmtes System schützt wirklich
Kälteschutz funktioniert also nur dann zuverlässig, wenn er im System gedacht wird:
Basisschicht, Isolationsschicht und Wetterschutz müssen präzise zusammenarbeiten, damit der Wärmehaushalt stabil bleibt – auch bei plötzlichen Wetteränderungen und körperlichen Belastungen im Arbeitsalltag. Entscheidend ist weniger das einzelne Kleidungsstück als das Zusammenspiel der Schichten – gerät dieses aus dem Gleichgewicht, verliert das System an Schutzleistung. Ein funktionierendes Schichtsystem folgt dabei einem klaren Aufbau:
Basisschicht – Feuchtigkeit ableiten:
Leichte Funktionswäsche aus Merino oder synthetischen Fasern transportiert Schweiß von der Haut weg und verhindert Verdunstungskälte. Baumwolle kann problematisch sein, da sie Feuchtigkeit speichert und auskühlen lässt. Eine funktionierende Basisschicht hält die Haut trocken – und schafft damit die Grundlage dafür, dass die darüberliegenden Schichten überhaupt wirken können.
Isolationsschicht – Luft speichern und Wärme halten:
Fleece, synthetische oder Daunen-Loftmaterialien (voluminöse, leichte Fasern, die viel isolierende Luft einschließen) oder leichte Isolationsjacken speichern warme Luft, ohne zu überhitzen. Ziel ist eine ausgewogene Wärmeleistung, damit sich weniger Schweiß im System ansammelt. Gelingt diese Balance, bleibt das System stabil – sowohl in Phasen intensiver Tätigkeit als auch in Ruhephasen.
Außenschicht – Wind und Nässe zuverlässig abhalten:
Eine wind- und wasserdichte, zugleich atmungsaktive Lage schützt die darunterliegenden Schichten vor Konvektion und Feuchtigkeit. Nur wenn das Luftpolster ungestört bleibt, kann die Isolierung wirken. Wetterschutzbekleidung mit Gore-Tex Produkttechnologie erfüllt genau diesen Zweck: ihre mikroporöse Membran lässt Wasserdampf aus Schweiß entweichen, für Regentropfen oder Schmelzwasser sind die Poren aber zu klein – so bleibt die Wärmeleistung auch bei wechselnden Bedingungen zuverlässig erhalten.
Fallbeispiel aus Südkorea
Innerhalb dieses Systems ist es darüber hinaus wichtig, alle Körperzonen gleichwertig in das Schichtkonzept einzubeziehen – denn Wärmeverluste entstehen dort, wo das System lückenhaft bleibt.
Felduntersuchungen mit einer südkoreanischen Baugesellschaft, durchgeführt von der Marke Gore-Tex, verdeutlichen diesen Zusammenhang besonders klar. Deren Ingenieur- und Bauteams arbeiten regelmäßig bei zweistelligen Minusgraden und starkem Wind. Die Analysen zeigten, dass nicht der Oberkörper, sondern der untere Körperabschnitt die größte Schwachstelle war. Erst als Hosen systematisch in das Schichtkonzept einbezogen wurden, verlängerte sich die Zeit, in der die Beschäftigten komfortabel und sicher arbeiten konnten, nahezu um das Doppelte. Diese Erkenntnis setzt sich zunehmend auch in europäischen Beschaffungsprozessen durch: Entscheidend ist nicht die Wärmeleistung eines einzelnen Teils, sondern ein funktionierendes Zusammenspiel aller Schichten.
Veränderte Anforderungen an den Kälteschutz
Der Klimawandel verändert die Anforderungen an den Kälteschutz: Wetter wird unberechenbarer, extreme Temperaturwechsel und Feuchtigkeit treten häufiger auf. Unternehmen müssen daher Arbeitsbekleidung auswählen, die nicht nur wärmt, sondern den Wärmehaushalt stabil hält und Bewegungsabläufe unterstützt.
Die Forschung zum thermischen Komfort zeigt: Zuverlässiger Kälteschutz entsteht nur durch das Zusammenspiel aller Schichten – und durch Kleidung, die sich an wechselnde Belastungen anpasst, ohne dass Beschäftigte ständig nachjustieren müssen. Systeme, die Wärme effizient speichern, Feuchtigkeit kontrolliert abgeben und Bewegungsfreiheit ermöglichen, schaffen dafür die besten Voraussetzungen – und tragen entscheidend dazu bei, dass Arbeiter auch unter widrigen Bedingungen sicher und leistungsfähig bleiben.
Anna West
… ist Komfortwissenschaftlerin im Bereich
Schutzbekleidung